Nicolaus A. Huber:
Konzert für naturmodulierte Soli und Ensemble



Nicolaus A. Huber (*1939)

Konzert für naturmodulierte Soli und Ensemble (2008)

Das Ensemble Aventure spielt hier unter der musikalischen Leitung von Nicholas Reed, die Musiker sind Alexander Ott, Oboe – Andrea Nagy, Klarinette – Wolfgang Rüdiger, Fagott – Andrew Digby, Posaune – Anne-Maria Hölscher, Akkordeon a. G.– Pascal Pons, Schlagzeug a. G. – Akiko Okabe, Klavier – Beverley Ellis, Violoncello – Aleksander Gabrys, Kontrabass. Kai Littkopf besorgt die Klangregie, die „Jungen Mädchen" im Publikum sind Clara Anacker, Katharina Schmauder und Annika Spegg.

Eine kleine Info zum Stück (ausführlicher siehe WR: Komponierte Paradoxa und Konfrontationen mit sich selbst. Nicolaus A. Hubers Konzert für naturmodulierte Soli und Ensemble (2008) als „art totale instrumentale", in: Nicolaus A. Huber, Musik-Konzepte Neue Folge Heft 168/169, hrsg. von Ulrich Tadday, München 2015, S. 124-152):

Das Konzert... ist ziemlich vielschichtig und unheimlich klangsinnlich komponiert. Es enthält mehrere Zuspiele und einen Audio-Beamer, menschliche Satire-Szenen, „magische Momente" u. v. m. und thematisiert in harmonischer wie inhaltlicher Orientierung an Heine/Schuberts Lied Der Doppelgänger Fragen der Identität von Mensch und Natur im Medienzeitalter. Es beginnt mit einem Elefantenschrei (im Tonumfang von g bis es!), und nach Wiederholungen, quantenharmonischen Entwicklungen von Soli- und Tutti-Passagen mit nie gehörten Super-Akkorden und Ansage der Pianistin („Der Mond zeigt ihm seine eigne Gestalt") feuern im Lichte eines Mondlampions Heidi-Klum-manipulierte „Mädchen" Schuberts Doppelgänger zur doppelten Verbiegung, Verwirrung, Verkrampfung an („Naturmodulation" at its worst); Mienenspiele imitieren Telenovelas, und am Ende öffnet ein knalliges Kinderaggressionsfußball den Konzertsaal zur Straße – wie umgekehrt der von der Straße her gedachte (und beklemmend aktuelle) Text des Schubert-Liedes Ohren, Augen und Herzen für die Musik öffnen mag:

Still ist die Nacht, es ruhen die Gassen,
In diesem Hause wohnte mein Schatz;
Sie hat schon längst die Stadt verlassen,
Doch steht noch das Haus auf demselben Platz.

Da steht auch ein Mensch und starrt in die Höhe,
Und ringt die Hände, vor Schmerzensgewalt;
Mir graust es, wenn ich sein Antlitz sehe, –
Der Mond zeigt mir meine eigne Gestalt.

Du Doppeltgänger! du bleicher Geselle!
Was äffst du nach mein Liebesleid,
Das mich gequält auf dieser Stelle,
So manche Nacht, in alter Zeit?

Vor diesem Hintergrund inszeniert Hubers Konzert ästhetische Paradoxa in Fülle und Potenz und ist selber eins: das Paradox einer „Geschlossene(n) Öffnung" von Kunst, die die Scheinhaftigkeit von Kunst abzustreifen versucht und darin doch Kunst bleibt. Zeigt sich dadurch auch Wirklichkeit, zumal die unsere, als eine ungewisse, bodenlose, brodelnde – voller Fremdheit, Andersheit in Wellen von Unsicherheiten ohne Ende?